Berufliche Betreuung braucht Nachwuchs – Kommunen suchen gemeinsam nach neuen Wegen
- LiteraTüren Blog
- 19. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Die Gewinnung neuer beruflicher Betreuerinnen und Betreuer entwickelt sich zunehmend zu einer zentralen Zukunftsfrage des Betreuungswesens. Altersbedingte Abgänge, regionale Unterschiede und die besonderen Anforderungen an den Beruf machen es erforderlich, über klassische Wege der Nachwuchsgewinnung hinauszudenken.
Genau hier setzt das ganztägige Fachformat „Gewinnung von beruflichen Betreuerinnen und Betreuern“ am 27. August 2026 an. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Frage, wer künftig für eine Tätigkeit als berufliche Betreuerin oder beruflicher Betreuer gewonnen werden kann, sondern vor allem, wie Kommunen Interessierte erreichen, ihnen einen guten Einstieg ermöglichen und sie langfristig an das Berufsfeld binden können.
Die Betreuungsbehörde als aktiver Gestalter
Schon der erste fachliche Impuls des Tages richtet den Blick auf die aktuellen Rahmenbedingungen der Berufsbetreuergewinnung. Thematisiert werden unter anderem der Betreuungsmarkt, altersbedingte Abgänge, regionale Unterschiede, finanzielle Anreizsysteme und ausdrücklich auch die Rolle der Betreuungsbehörde.
Damit wird ein wichtiger Perspektivwechsel deutlich: Nachwuchsgewinnung lässt sich nicht allein darauf reduzieren, eine Stellenausschreibung oder Informationsveranstaltung anzubieten und anschließend darauf zu hoffen, dass sich geeignete Interessierte melden.
Betreuungsbehörden können selbst zu aktiven Akteuren bei der Entwicklung des regionalen Betreuungswesens werden. Dazu gehören die gezielte Ansprache potenzieller Berufsgruppen, der Aufbau von Netzwerken und Kooperationen sowie Strukturen, die Interessierte auf dem Weg in die berufliche Betreuung begleiten.
Wer kommt für die berufliche Betreuung überhaupt in Betracht?
Ein Schwerpunkt des Fachtages liegt deshalb auf der Frage, welche Zielgruppen künftig stärker angesprochen werden könnten.
In mehreren Arbeitsgruppen werden unterschiedliche Möglichkeiten betrachtet: die Weiterentwicklung der Vereinsbetreuung, die Ansprache von Personen aus angrenzenden Berufsfeldern der sozialen Arbeit, die Gewinnung von Studierenden und Nachwuchskräften sowie die Förderung des Einstiegs in eine selbstständige berufliche Betreuung.Gerade darin liegt erhebliches Potenzial. Denn geeignete zukünftige Berufsbetreuerinnen und Berufsbetreuer sitzen möglicherweise längst in Sozialverwaltungen, Beratungsstellen, sozialen Diensten, Pflegeeinrichtungen oder Hochschulen – ohne das Berufsfeld der rechtlichen Betreuung bisher als berufliche Perspektive wahrzunehmen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
„Wer möchte Berufsbetreuer werden?“
Sondern zunehmend:
„Wen könnten wir für diesen Beruf interessieren?“
Gute Beispiele aus der Praxis statt abstrakter Konzepte
Besonders praxisorientiert ist der Programmpunkt „Kommunen in Aktion – Solutions-Speaker & Denk-Bar“. In kurzen Impulsen stellen Kommunen und Projekte unterschiedliche Ansätze vor, mit denen bereits heute versucht wird, neue Berufsbetreuerinnen und Berufsbetreuer zu gewinnen und Berufseinsteiger zu unterstützen.
Die Beispiele zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind. Vorgestellt werden unter anderem:
Mentoringangebote für rechtliche Betreuer,
Hochschulkooperationen und Praxispartnerschaften,
Recruiting und kontinuierliche Sichtbarkeit ohne großen organisatorischen Apparat,
persönliche Ansprache und gezielte Informationsangebote,
Begleitung von Neueinsteigerinnen und Neueinsteigern,
Förderung der erforderlichen Sachkunde,
Mentoring- und Coachingstrukturen innerhalb der Betreuungsbehörde sowie
Welcome-Management für neue Berufsbetreuerinnen und Berufsbetreuer.
Damit wird deutlich: Es gibt nicht den einen Königsweg der Betreuergewinnung.
Erfolgversprechend ist vielmehr eine Kombination verschiedener Maßnahmen, die zu den jeweiligen regionalen Strukturen passt.
Vom Recruiting zur Beziehung
Bemerkenswert ist zudem, dass sich der Fachtag nicht auf die reine Gewinnung Interessierter beschränkt.
Die nachmittägliche Praxiswerkstatt beschäftigt sich mit Sichtbarkeit, Ansprache, Erstformaten, Attraktivität und Bindung. Dabei geht es beispielsweise um Netzwerke und Multiplikatoren, eine treffsichere Ansprache potenzieller Interessierter sowie niedrigschwellige Formate, durch die aus erster Neugier echtes Interesse am Beruf entstehen kann.
Auch die langfristige Bindung wird ausdrücklich aufgegriffen. Weitere Thementische beschäftigen sich mit Mentoring und Coaching, kommunaler Begleitung, Hochschulkooperationen, Sachkundeförderung und einem personenzentrierten Onboarding für Berufseinsteiger.
Dahinter steht ein Gedanke, der für die zukünftige Gewinnung von Berufsbetreuern entscheidend sein dürfte:
Menschen entscheiden sich nicht allein für einen Beruf. Sie entscheiden sich auch für die Rahmenbedingungen, unter denen sie diesen Beruf ausüben können.
Eine Betreuungsbehörde, die ausschließlich kontrollierend wahrgenommen wird, dürfte bei der Nachwuchsgewinnung andere Voraussetzungen haben als eine Behörde, die von Beginn an als verlässliche Ansprechpartnerin, Netzwerkpartnerin und fachliche Begleiterin auftritt.
Der Berufseinstieg endet nicht mit der Registrierung
Die vielleicht wichtigste Phase beginnt deshalb erst, wenn aus einem Interessenten tatsächlich eine Berufsbetreuerin oder ein Berufsbetreuer wird.
Unter der Überschrift „Vom ersten Interesse zum tragfähigen Einstieg“ sollen die Teilnehmenden des Fachtages konkrete regionale Maßnahmen entwickeln. Genannt werden beispielsweise Hospitationen, Mentoring, Starterpakete, feste Ansprechpartnerstrukturen und regionale Begleitformate. Jede Kommune soll daraus konkrete nächste Schritte für die Zielgruppenansprache, Kooperationen und kurzfristig umsetzbare Maßnahmen ableiten.
Damit geht die Veranstaltung einen wichtigen Schritt weiter als viele klassische Fachtagungen: Es soll nicht bei der Sammlung guter Ideen bleiben. Ziel ist vielmehr der Transfer in die kommunale Praxis.
Was können Kommunen konkret verändern?
Zum Abschluss werden die Ergebnisse unter der Leitfrage zusammengeführt, wie die Attraktivität des Betreuerberufs erhöht werden kann und welche Handlungsmöglichkeiten Kommunen in Rheinland-Pfalz konkret haben. Vorgesehen sind eine Ergebnissicherung, Abschlussstatements und die Verständigung auf zentrale gemeinsame Ansatzpunkte.
Damit berührt der Fachtag eine grundlegende Entwicklung des Betreuungswesens: Die Sicherstellung einer ausreichenden Zahl qualifizierter Berufsbetreuerinnen und Berufsbetreuer wird künftig stärker als gemeinsame Gestaltungsaufgabe verstanden werden müssen.
Dazu braucht es Information und Öffentlichkeitsarbeit – aber ebenso persönliche Ansprache, Kooperationen, verlässliche Ansprechpartner, Unterstützung beim Einstieg und eine Kultur, in der Betreuungsbehörden und Berufsbetreuer einander nicht ausschließlich als Aufsichts- und Verfahrensbeteiligte begegnen.
Es geht letztlich um eine einfache, aber folgenreiche Frage:
Wie schaffen wir Rahmenbedingungen, unter denen geeignete Menschen nicht nur Interesse an der beruflichen Betreuung entwickeln, sondern sich auch dauerhaft vorstellen können, diesen anspruchsvollen Beruf auszuüben?
Das Thema vertiefen: Seminar „Berufsbetreuende gewinnen“
Mit dieser Frage beschäftigt sich auch das Seminar „Berufsbetreuende gewinnen“ beim Recht&Wort Kolleg. Im Mittelpunkt steht die praktische Perspektive der Betreuungsbehörden: Wie lassen sich geeignete Interessierte überhaupt erreichen? Welche Zielgruppen kommen infrage? Welche Rolle spielen persönliche Ansprache, Kooperationen und Netzwerke? Und wie kann eine Behörde Bedingungen schaffen, unter denen aus einem ersten Interesse tatsächlich ein tragfähiger Einstieg in die berufliche Betreuung wird?
Das Seminar richtet den Blick deshalb nicht nur auf klassische Akquise, sondern auf den gesamten Weg von der ersten Kontaktaufnahme über Information und Orientierung bis zur Begleitung neuer Berufsbetreuender. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf einer kooperativen Haltung der Betreuungsbehörde: Wer qualifizierte Berufsbetreuende gewinnen und langfristig halten möchte, muss nicht nur Anforderungen formulieren, sondern auch verlässliche Strukturen, Ansprechpartner und eine professionelle Zusammenarbeit anbieten.
Weitere Informationen zum Seminar „Berufsbetreuende gewinnen“ finden Interessierte beim Recht&Wort Kolleg.
An dem Fachformat am 27. August beteiligt sich auch Michael Pick, Dozent des Recht&Wort Kollegs. Er wirkt beim einleitenden Impuls zu den aktuellen Rahmenbedingungen der Berufsbetreuergewinnung mit, moderiert gemeinsam mit Holger Marx die Vorstellung ausgewählter kommunaler Praxisprojekte und begleitet am Nachmittag eine regionale Werkstatt zur Entwicklung konkreter nächster Schritte. Für das Recht&Wort Kolleg bietet die Veranstaltung damit zugleich die Gelegenheit, aktuelle Entwicklungen, praktische Erfahrungen und neue Ansätze aus der Betreuungslandschaft unmittelbar aufzunehmen und in Seminare und weitere fachliche Angebote einfließen zu lassen.




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