Berufsbetreuende gewinnen: Warum Kommunen mehr brauchen als eine gute Stellenausschreibung
- LiteraTüren Blog
- 31. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Am 27. August 2026 fand in Bad Kreuznach das ganztägige Fachformat „Gewinnung von beruflichen Betreuerinnen und Betreuern“ statt. Vertreterinnen und Vertreter aus Betreuungsbehörden, Landesverwaltung und Praxis kamen zusammen, um sich einer Frage zu widmen, die vielerorts längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr ist:
Wie gelingt es, genügend qualifizierte Menschen für die berufliche rechtliche Betreuung zu gewinnen – und sie anschließend auch im Beruf zu halten?
Der Tag machte vor allem eines deutlich: Die Antwort liegt nicht in einer einzelnen Werbemaßnahme. Erfolgreiche Berufsbetreuergewinnung beginnt wesentlich früher und reicht erheblich weiter.
Ein Berufsbild unter Veränderungsdruck
Zu Beginn der Veranstaltung stand eine Bestandsaufnahme. Der Bedarf an beruflichen Betreuerinnen und Betreuern trifft auf einen Markt, der regional sehr unterschiedlich geprägt ist. Altersbedingte Berufsaufgaben, unterschiedliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen und ein Berufsbild, dessen Anforderungen Außenstehenden häufig nur schwer vermittelbar sind, stellen Betreuungsbehörden zunehmend vor Herausforderungen.
Dabei besitzt die Betreuungsbehörde eine besondere Rolle.
Sie kennt nicht nur den regionalen Bedarf. Sie erlebt auch unmittelbar, an welchen Stellen Kapazitäten fehlen, welche Anforderungen an neue Berufsbetreuende gestellt werden und welche Schwierigkeiten beim Einstieg in den Beruf entstehen.
Damit verändert sich das Aufgabenverständnis: Betreuungsbehörden können sich nicht allein darauf beschränken, vorhandene Berufsbetreuende zu registrieren, vorzuschlagen oder zu begleiten. Vielerorts wird es erforderlich sein, aktiv an der Entwicklung einer tragfähigen regionalen Betreuungslandschaft mitzuwirken.
Zielgruppen neu denken
Ein Schwerpunkt des Vormittags lag deshalb auf der Frage, wer überhaupt für die berufliche Betreuung gewonnen werden kann.
Dabei wurde deutlich, dass die klassische Suche nach bereits vollständig qualifizierten Interessierten zu kurz greift. Potenziale liegen beispielsweise bei Fachkräften aus angrenzenden sozialen Berufen, bei Mitarbeitenden aus Betreuungsvereinen, bei Studierenden und Hochschulabsolventinnen und -absolventen oder bei Menschen, die sich eine berufliche Selbstständigkeit vorstellen können.
Gerade hier lohnt ein Perspektivwechsel.
Nicht die Frage
„Wer sucht gerade einen Beruf als Berufsbetreuer?“
sollte am Anfang stehen.
Interessanter ist die Frage:
„Welche Menschen verfügen über Kompetenzen, Erfahrungen oder Interessen, die zur beruflichen Betreuung passen könnten – obwohl sie diesen Beruf bislang vielleicht überhaupt nicht kennen?“
Damit wird aus passiver Bewerbergewinnung aktive Zielgruppenarbeit.
Gute Ideen gibt es bereits
Besonders praxisnah war der Blick auf Projekte aus verschiedenen Regionen Deutschlands.
In kurzen Impulsen wurden unter anderem Modelle zu Mentoring, Hochschulkooperationen, persönlicher Ansprache, kommunalem Recruiting, Welcome-Management und der Förderung von Sachkunde vorgestellt.
Die Beispiele aus dem Erzgebirgskreis, Halle (Saale), Saarlouis, Bonn, Hannover, Ludwigsburg, Mönchengladbach, dem Rhein-Kreis Neuss sowie weiteren Kommunen zeigten eindrucksvoll: Erfolgreiche Nachwuchsgewinnung muss nicht zwangsläufig mit großen Budgets oder umfangreichen Personalressourcen beginnen.
Manchmal entsteht Wirkung gerade durch vergleichsweise einfache Maßnahmen:
persönliche Ansprechpartner,
Informationsveranstaltungen,
Kooperationen mit Hochschulen,
Hospitationsmöglichkeiten,
Mentoringangebote,
verlässliche Begleitung beim Berufseinstieg,
Netzwerke zwischen erfahrenen und neuen Berufsbetreuenden
oder eine kontinuierliche Präsenz des Berufsbildes in geeigneten Zielgruppen.
Der entscheidende Faktor scheint weniger die Größe einer Maßnahme zu sein als ihre Verlässlichkeit und Kontinuität.
Vom Recruiting zum Einstieg
Ein weiterer wichtiger Gedanke zog sich durch den Veranstaltungstag: Interesse allein genügt nicht.
Selbst wenn es gelingt, Menschen für die berufliche Betreuung zu interessieren, beginnt anschließend eine zweite entscheidende Phase.
Wie wird aus Interesse ein tatsächlicher Berufseinstieg?
Gerade die ersten Monate können für neue Berufsbetreuende anspruchsvoll sein. Neben rechtlichen und fachlichen Anforderungen kommen organisatorische Fragen hinzu: Registrierung, Sachkundenachweis, Büroorganisation, Fallübernahme, Vergütung, Zusammenarbeit mit Gerichten und Behörden sowie der Aufbau eines eigenen professionellen Netzwerkes.
Wer hier ausschließlich auf Eigeninitiative setzt, riskiert, potenzielle Berufsbetreuende bereits auf dem Weg in den Beruf zu verlieren.
Mentoring, Coaching, Starterpakete, Hospitationen oder feste Ansprechpartner innerhalb der Betreuungsbehörde können deshalb weit mehr sein als eine freundliche Zusatzleistung.
Sie können Teil einer kommunalen Strategie zur Sicherung des Betreuungsangebotes werden.
Die Betreuungsbehörde als Netzwerkpartner
Bemerkenswert war auch, wie stark während der Veranstaltung das Thema Kooperation in den Mittelpunkt rückte.
Berufsbetreuergewinnung lässt sich kaum erfolgreich als isolierte Aufgabe einer einzelnen Behörde organisieren.
Hochschulen, Betreuungsvereine, Berufsverbände, soziale Träger, Bildungseinrichtungen, Gerichte, bereits tätige Berufsbetreuende und benachbarte Kommunen können wichtige Partner sein.
Damit verschiebt sich die Rolle der Betreuungsbehörde ein Stück weit:
von der einzelnen Verwaltungsstelle
hin zu einem Knotenpunkt regionaler Betreuungsstrukturen.
Gerade kleinere Kommunen können hiervon profitieren. Nicht jede Behörde muss jedes Konzept selbst entwickeln. Gute Modelle können übernommen, angepasst und gemeinsam weiterentwickelt werden.
Der während der Veranstaltung mehrfach formulierte Gedanke „gemeinsam statt allein“ beschreibt deshalb vielleicht eine der wichtigsten Perspektiven für die kommenden Jahre.
Attraktivität entsteht nicht erst bei der Vergütung
Natürlich spielen wirtschaftliche Rahmenbedingungen für die Attraktivität des Berufs eine wesentliche Rolle. Viele davon können Kommunen allerdings nicht unmittelbar beeinflussen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass kommunale Handlungsmöglichkeiten gering wären.
Attraktivität entsteht auch durch die Frage, wie Menschen ihren Einstieg und ihre spätere Zusammenarbeit mit Behörden erleben.
Ist die Behörde erreichbar?
Gibt es feste Ansprechpartner?
Werden neue Berufsbetreuende als Partner wahrgenommen?
Existieren Möglichkeiten zum fachlichen Austausch?
Werden Informationen transparent weitergegeben?
Gibt es regionale Netzwerke?
Werden Probleme frühzeitig angesprochen?
Eine wertschätzende und professionelle Zusammenarbeit kostet häufig weniger als klassische Förderprogramme – kann für die langfristige Bindung aber mindestens ebenso bedeutsam sein.
Von der Idee zur kommunalen Strategie
Besonders sinnvoll war deshalb, dass die Veranstaltung nicht bei Beispielen und Diskussionen stehen blieb.
In regionalen Werkstätten entwickelten die teilnehmenden Kommunen konkrete nächste Schritte für ihre eigene Praxis. Zielgruppenansprache, Kooperationen, Mentoring, Starterangebote und schnell umsetzbare Maßnahmen wurden auf die jeweiligen regionalen Bedingungen übertragen.
Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen einer interessanten Fachtagung und einem wirkungsvollen Fachformat:
Am Ende sollte nicht nur neues Wissen stehen.
Es sollte eine Antwort auf die Frage geben:
„Was machen wir am Montag anders?“
Berufsbetreuergewinnung ist Infrastrukturpolitik
Vielleicht lässt sich die zentrale Erkenntnis des Tages noch grundsätzlicher formulieren.
Die Gewinnung beruflicher Betreuerinnen und Betreuer ist keine gelegentliche Personalmarketingaufgabe.
Sie gehört zunehmend zur kommunalen Sicherung der Infrastruktur des Betreuungswesens.
Wo Betreuungsbehörden frühzeitig Bedarfe erkennen, Netzwerke aufbauen, Menschen ansprechen, Einstiegshürden reduzieren und Berufsanfänger verlässlich begleiten, entstehen resilientere regionale Strukturen.
Dabei muss nicht jede Kommune sofort ein umfassendes Nachwuchsprogramm entwickeln.
Ein guter Anfang kann wesentlich kleiner sein:
eine feste Ansprechperson,
ein Informationsabend,
eine Kooperation mit einer Hochschule,
ein Mentoringkontakt,
eine Hospitationsmöglichkeit
oder schlicht die systematische Frage:
Wer könnte bei uns morgen Berufsbetreuerin oder Berufsbetreuer werden – und warum weiß diese Person heute noch nichts davon?
Aus dieser Frage kann erstaunlich viel entstehen.
Wer das Thema für die eigene Betreuungsbehörde vertiefen und konkrete Strategien zur Zielgruppenansprache, Gewinnung und Begleitung entwickeln möchte, kann dies auch im Seminar „Berufsbetreuende gewinnen“ beim Recht&Wort Kolleg tun. Im Mittelpunkt stehen praxisnahe Ansätze, mit denen Betreuungsbehörden auch mit begrenzten Ressourcen ein eigenes, tragfähiges Konzept zur Gewinnung beruflicher Betreuerinnen und Betreuer entwickeln können.





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