Internationale Trends im Betreuungsrecht 2026 – Was Deutschland von der Welt lernen kann
- LiteraTüren Blog
- 11. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Internationale Trends im Betreuungsrecht 2026 – Was Deutschland von der Welt lernen kann
Das Betreuungsrecht befindet sich weltweit im Wandel
Wer einen Blick über die Landesgrenzen hinaus wirft, erkennt schnell: Viele Staaten stehen vor denselben Herausforderungen wie Deutschland. Wie kann die Selbstbestimmung von Menschen mit Unterstützungsbedarf gestärkt werden? Wie lässt sich Missbrauch verhindern? Welche Rolle spielen Digitalisierung, künstliche Intelligenz und der demografische Wandel?
Antworten auf diese Fragen liefert das World Congress on Adult Capacity 2026, auf dem Fachleute aus Wissenschaft, Justiz, Sozialarbeit und Praxis ihre aktuellen Forschungsprojekte und Reformansätze vorgestellt haben. Das begleitende Abstractbook mit nahezu 200 Seiten vermittelt einen eindrucksvollen Überblick über die internationale Entwicklung des Betreuungsrechts.
Selbstbestimmung statt Stellvertretung
Ein zentrales Thema des Kongresses zieht sich durch nahezu alle Beiträge: Weg von der klassischen Stellvertretung – hin zu einer unterstützten Entscheidungsfindung.
Nicht mehr die Frage „Wer entscheidet für den Menschen?“ steht im Mittelpunkt, sondern vielmehr: „Wie kann der Mensch möglichst lange selbst entscheiden?“
Viele Staaten entwickeln hierzu neue Instrumente, beispielsweise Unterstützungsvereinbarungen, moderne Vorsorgevollmachten oder begleitende Assistenzmodelle. Auch die deutsche Betreuungsrechtsreform verfolgt diesen Ansatz. Die internationale Diskussion zeigt jedoch, dass die praktische Umsetzung weiterhin eine der größten Herausforderungen bleibt.
Selbstbestimmung braucht Schutz
Mehr Selbstbestimmung bedeutet nicht weniger Verantwortung. Gerade ältere Menschen oder Menschen mit Demenz, psychischen Erkrankungen oder kognitiven Einschränkungen können besonderen Risiken ausgesetzt sein.
Deshalb beschäftigen sich zahlreiche Beiträge mit Fragen wie:
Wann ist staatliches Eingreifen erforderlich?
Wie lassen sich finanzielle Ausbeutung und Missbrauch verhindern?
Welche Kontrollmechanismen sind sinnvoll, ohne die Autonomie einzuschränken?
Deutlich wird: Schutz und Selbstbestimmung sind keine Gegensätze. Sie müssen vielmehr in jedem Einzelfall sorgfältig miteinander in Einklang gebracht werden.
Finanzielle Ausbeutung als internationales Problem
Ein besonders häufig behandeltes Thema ist der Schutz vor finanzieller Ausbeutung.
Ob missbräuchlich genutzte Vorsorgevollmachten, betrügerische Vertragsabschlüsse, digitale Betrugsformen oder unzulässige Vermögensverfügungen – viele Länder berichten über ähnliche Erfahrungen.
Insbesondere die USA, Korea und Japan stellen neue Kontroll- und Aufsichtssysteme vor, die Missbrauch frühzeitig erkennen und verhindern sollen.
Digitalisierung verändert das Betreuungsrecht
Auch die Digitalisierung macht vor der rechtlichen Betreuung nicht halt.
Diskutiert werden unter anderem:
digitale Identitäten,
Online-Banking,
elektronische Patientenakten,
digitale Behördenkommunikation,
künstliche Intelligenz,
Datenschutz und Cybersicherheit.
Gerade diese Themen werden in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Frage, wer digitale Zugänge verwaltet und wie betreute Menschen dabei unterstützt werden können, beschäftigt inzwischen viele Staaten.
Demenz als Herausforderung
Mit der steigenden Lebenserwartung wächst weltweit die Zahl der Menschen mit Demenz.
Dementsprechend befassen sich zahlreiche Beiträge mit der Frage, wie unterstützte Entscheidungsfindung auch bei fortschreitenden kognitiven Einschränkungen gelingen kann.
Hier zeigt sich, dass international noch erheblicher Forschungs- und Entwicklungsbedarf besteht.
Menschenrechte prägen die Reformen
Die UN-Behindertenrechtskonvention bildet den rechtlichen Rahmen vieler Reformen.
Barrierefreie Kommunikation, Leichte Sprache, Verfahrensassistenz und die Anerkennung der gleichen Rechtsfähigkeit aller Menschen stehen im Mittelpunkt zahlreicher Vorträge.
Besonders Spanien präsentiert innovative Ansätze, um gerichtliche Entscheidungen verständlicher und Verfahren für Menschen mit Unterstützungsbedarf besser zugänglich zu gestalten.
Internationale Lösungen – nationale Impulse
Der Kongress zeigt eindrucksvoll, dass Länder wie Spanien, Korea, Japan, die Niederlande oder die USA unterschiedliche Wege gehen, aber ähnliche Ziele verfolgen.
Deutschland muss das Rad dabei nicht neu erfinden. Ein Blick auf internationale Erfahrungen eröffnet zahlreiche Anregungen für die Weiterentwicklung der eigenen Praxis – etwa bei der Digitalisierung, der Prävention finanziellen Missbrauchs oder der Unterstützung selbstbestimmter Entscheidungen.
Zukunftsblick
Das Betreuungsrecht entwickelt sich weltweit dynamisch weiter. Die internationale Diskussion macht deutlich, dass moderne Betreuung weit mehr ist als die rechtliche Vertretung eines Menschen. Im Mittelpunkt stehen heute die Förderung von Selbstbestimmung, wirksame Unterstützungsstrukturen, der Schutz vor Missbrauch sowie die Frage, wie digitale Entwicklungen verantwortungsvoll genutzt werden können.
Gerade für Berufsbetreuerinnen und Berufsbetreuer, Mitarbeitende von Betreuungsbehörden und Betreuungsvereinen sowie alle im Betreuungsrecht Tätigen lohnt sich deshalb der Blick über den nationalen Tellerrand. Internationale Entwicklungen liefern wertvolle Impulse für die tägliche Praxis und zeigen, wohin sich das Betreuungsrecht in den kommenden Jahren entwickeln könnte.
Recht&Wort Kolleg – Praxiswissen für die Betreuung von morgen

Die im World Congress on Adult Capacity diskutierten Themen finden sich zunehmend auch in den Fortbildungsangeboten des Recht&Wort Kollegs wieder. Seminare zu unterstützter Entscheidungsfindung, Schutzpflichten und Garantenstellung, Betreuungsplanung, Krisenmanagement, den ersten 100 Tagen einer Betreuung oder aktuellen Entwicklungen im Betreuungsrecht greifen die Herausforderungen der modernen Betreuungspraxis auf und verbinden internationale Entwicklungen mit der deutschen Rechtslage.
Denn gute Fortbildung bedeutet nicht nur, Gesetze zu kennen – sondern auch zu verstehen, wie sich das Betreuungsrecht weiterentwickelt und welche Lösungen sich weltweit bewähren.




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